Das Leben fordert uns manchmal heraus.
Manchmal bringt es uns an den Rand, an den Platz, an dem wir erkennen, wer wir wirklich sind.
Manchmal konfrontiert es uns mit unseren Ängsten,
und es schenkt uns die Möglichkeit, auf dieselben Situationen anders zu reagieren.
Ich wurde als Kind und Jugendlicher oft beschimpft, klein gemacht, erniedrigt.
Und lange Zeit traute ich mich nicht, etwas zu sagen.
Ich schwieg.
Ich schwieg, selbst wenn ich im Recht war.
Vielleicht lag es an der Strenge meiner Eltern.
Vielleicht an der Angst, etwas Falsches zu tun.
Ich weiß es nicht.
Aber diese Angst begleitet mich bis heute.
Noch heute habe ich manchmal Mühe, meine Meinung zu sagen,
oder mich zu verteidigen, wenn mir Unrecht geschieht.
Vor einigen Tagen war ich mit meinem Sohn beim Fußballtraining.
Ich sah, wie er plötzlich stehen blieb, den Kopf senkte.
Irgendetwas war passiert.
Auf dem Heimweg fragte ich ihn:
„Was war los?“
Er sagte:
„Der hat mich Fettsack genannt.
Und der andere hat gesagt: Stimmt auch.
Da habe ich ihn geschubst.“
Ich war im ersten Moment verwirrt.
Ich wusste nicht, ob das richtig oder falsch war.
Ich fragte mich, ob ich ihn hätte bremsen sollen.
Aber gleichzeitig spürte ich etwas anderes:
Stolz.
Denn mein Sohn hatte etwas getan,
was ich früher nie konnte.
Er hatte sich gewehrt.
Nicht mit Gewalt, sondern mit Haltung.
Er hatte keine Angst, zu reagieren.
Er hat sich gezeigt.
Er ist wie ich.
Nur stärker.
Nur mutiger.
Er ist meine bessere Version.
Meine Aufgabe als Vater ist es, ihn zu begleiten.
Ihn zu unterstützen,
ihn nicht zu bremsen,
nicht meine alten Ängste auf ihn zu übertragen.
Ich bin dankbar, dass ich ihn habe.
Denn er spiegelt mir vieles aus meiner eigenen Kindheit zurück.
Vieles, was ich lange verdrängt habe.
Und er zeigt mir, dass ich heute anders reagieren kann.
Später, als wir zu Hause waren, sagte ich zu ihm:
„Marcio, ich verstehe dich.
Vielleicht war es nicht richtig, ihn zu schubsen.
Aber es war richtig, dass du dich verteidigt hast.“
Vater zu sein ist nicht einfach.
Manchmal stellt das Leben uns vor Prüfungen,
damit wir durch unsere Kinder lernen dürfen.
Wir wachsen miteinander.
Wir lernen voneinander.
Und manchmal sind es genau diese Momente,
die uns zeigen, wo wir stehen –
wer wir geworden sind.
Und so bleibt am Ende nur eine Frage:
Ist es richtig, immer ruhig zu bleiben,
nur um einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen?
Ich glaube nicht.
Es geht nicht darum, laut zu werden oder zu kämpfen.
Es geht darum, bewusst zu handeln.
Bewusst für sich einzustehen.
Für das, was richtig ist.
Für Liebe.
Jeder Mensch hat seine Geschichte.
Und jeder Moment trägt die Chance in sich,
sie ein Stück weiterzuschreiben –
diesmal mit Mut, Bewusstsein
und mit Liebe.