Wenn die Zweifel leiser werden
(Bildposition: oberhalb des Textes)
4:30 Uhr.
Mein Körper wollte liegen bleiben.
Mein Geist hatte Gewissensbisse.
In fünf Tagen steht meine öffentliche Generalprobe bei Max an.
Das erste Mal ein komplettes Programm – vor echten Menschen.
Ein Moment, auf den ich monatelang hingearbeitet habe.
Doch heute fühlte ich mich schwach.
Ausgelaugt.
Leer nach den letzten Tagen und Wochen.
Und dann kamen die Fragen.
Die alten.
Die tiefen.
Die, die ich eigentlich längst hinter mir lassen wollte.
Bin ich gut genug?
Kann ich wirklich singen?
Wozu das alles?
Was, wenn ich mir das alles nur einbilde?
Wenn ich mich höre, gefällt es mir.
Aber gefällt es mir wirklich?
Und ist das genug, damit es anderen Menschen gefällt?
Ich suche nach Feedback – und bekomme kaum welches.
Vielleicht die falschen Menschen.
Vielleicht noch nicht die richtigen.
Darum werde ich heute Isaiah kontaktieren.
Ich brauche ein ehrliches Ohr, klare Worte, Wahrheit.
Ich nehme mein Mikro und meinen Laptop mit und mache für ihn ein kleines Demo-Konzert.
Er sagt mir, was er hört.
Er sagt mir, ob es stimmt – oder ob ich mich verrenne.
Denn Musik ist Gefühl.
Und Gefühl ist relativ.
Ich kann spüren, dass ich es kann.
Aber bin ich wirklich so gut wie ich denke?
Oder wie ich fühle?
Die Kritik von Max sitzt noch tief.
Nicht böse gemeint – aber sie wirkt.
Sie trifft meine alten Muster.
Die Angst, nicht genug zu sein.
Die Furcht, Menschen nicht gerecht zu werden.
Und doch:
Was machen wir mit uns, wenn wir 08/15 leben, nur um zu funktionieren?
Wenn wir die Erwartungen anderer erfüllen, aber nicht unsere eigene Wahrheit?
Ich weiß, dass ich diesen Weg gehe, weil ich ihn fühle.
Weil ich überzeugt bin.
Weil ich ein erfülltes Leben führen will.
Nicht eines, das nur abarbeitet.
Vielleicht ist der größte Dienst an der Menschlichkeit, uns selbst treu zu bleiben.
Auch wenn es weh tut.
Auch wenn es Mut braucht.
Auch wenn wir zwischendurch fallen.
Ich bete heute dafür, die Kraft zu haben, zu mir zu stehen.
Zu meiner Stimme.
Zu meiner Wahrheit.
Und die Liebe, den Glauben und die Hoffnung, die in mir leben, mit der Welt zu teilen.
Amen.